Doch warum ist das so? Die Antwort darauf liefert die Kognitionswissenschaft: Wir lernen einfach viel besser und vor allem nachhaltiger, wenn wir das Lernpensum über einen gewissen Zeitraum verteilen. Sicherlich kennst du das auch noch aus der Schule: Einen Tag vor der Klausur geben wir alles, um uns den Stoff reinzuprügeln. Das meiste davon können wir dann auch abrufen, wenn es darauf ankommt. Aber schon ein paar Wochen später ist davon kaum noch etwas übrig. Ein ganz normaler kognitiver Vorgang also und keine Folge von exzessivem Serienkonsum. So sieht das auch Martin Brandt, Dozent für kognitive Psychologie der Universität Mannheim, der Entwarnung gibt: „Unser Gedächtnis ist evolutionär so wichtig, dass es sich von ein bisschen Binge-Watching nicht kleinkriegen lässt.“<\/p>\n

ACHTUNG: Hohes Suchtpotential, Serien bei Netflix<\/p><\/div>\n
Bin ich süchtig nach meinen Serien?<\/h3>\n
Es hat natürlich nicht lange gedauert, bis das Binge Watching als neue Sucht diskutiert wurde. Schnell war dabei das Bild des sozial inkompatiblen Serien-Addicts gezeichnet, der die erfundenen Freunde vom Bildschirm den echten vorzieht. Als Flucht aus der eigenen Lebensrealität wurden die Serien ebenso diskutiert wie als feststehende Rituale, in einer Lebenswelt, in der sich sicher geglaubte Bezugspunkte immer schneller auflösen.<\/p>\n
Eine Studie, die vom US-Sender Fox in Auftrag gegeben wurde, meinte sogar herausgefunden zu haben, dass die Studienteilnehmer mit körperlichen Entzugssymptomen reagierten, wenn man ihre Lieblingsserie nach einigen Minuten abbrach. Die Probanden hielten die Luft an, ihre Temperatur sank und die Schweißproduktion stieg kurzzeitig an. Müssen wir jetzt also Angst haben, in eine krankmachende Abhängigkeit zu geraten, wenn wir mal wieder kein Ende finden?<\/p>\n
Nein, sagt Derik Hermann vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Die Folgen, die ein exzessiver Serienkonsum auf uns hat, sind nicht vergleichbar mit jenen Veränderungen, die Alkohol- oder Drogenabhängige durchleben müssen. Sein Kollege Rainer Spanagel ergänzt, dass bei der amerikanischen Studie nichts anderes gemessen wurde, als eine ganz normale Enttäuschungsreaktion. Wenn man uns mit einem Teller voller Süßigkeiten den Mund wässrig macht, uns den Teller dann aber wegnimmt, bevor wir zugreifen können, werden die meisten von uns erstmal tief durchatmen. Hiervon auf eine Suchtkrankheit zu schließen halten die beiden Forscher für überzogen.<\/p>\n
Fernsehserien als neue Kulturtechnik<\/h3>\n\n
Anstatt die neuen Serien für ihr Suchtpotenzial zu verteufeln, könnte man sie auch einfach als neue Kulturtechnik begreifen. Serien wie Die Sopranos<\/em> oder The Wire<\/em> haben die bis dahin geltenden Konventionen von Fernsehserien komplett aus den Angeln gehoben und Stories möglich gemacht, die bis dato undenkbar waren. In ihrer Komplexität und Erzähltechnik haben viele Serien mittlerweile ein Format erreicht, das denen großer literarischer Werke in nichts nachsteht. In diesem Sinne lassen sich Serien also durchaus auch als Kunstform begreifen.<\/p>\nNicht umsonst wurden Die Sopranos<\/em> in die ständige Ausstellung des New Yorker MoMA integriert. Und auch andere Serien werden in Zeitungen heute meist nicht im Medienteil besprochen, sondern eben im Feuilleton. Gleichberechtigt neben Rezensionen des neuesten Romans von Jonathan Franzen oder Ian McEwan. Nähert man sich dem Thema Serien über diesen Weg, dann ist Fernsehen eine Kulturtechnik, ebenso wie das Lesen. Und hier käme niemand auf die Idee, einer Leseratte<\/em> ein suchtähnliches Verhalten zu unterstellen.<\/p>\nAlso: Gegen einen Serienmarathon am Wochenende ist erstmal nichts einzuwenden. Wenn du irgendwann merkst, dass du über die Charaktere auf dem Bildschirm besser informiert bist als über deine echten Freunde, dann wäre es aber doch mal an der Zeit, wieder vor die Tür zu gehen und echte Menschen zu treffen. Bis dahin: Happy Binge Watching!<\/p>\n
7 Serientipps zum Binge Wachting:<\/h3>\n
Hier findest du eine absolut subjektive Übersicht von Serien, die ich nicht abschalten konnte.<\/p>\n
Damages<\/h3>\n
Die Serie stammt aus dem Jahr 2007, also aus einer Zeit knapp vor dem derzeitigen Serien-Hype. Im Zentrum steht die Top-Anwältin Patty Hewes, gespielt von der unglaublichen Glenn Close, die einem Korruptionsskandal auf die Spur kommt. Folge um Folge dringt man tiefer in die moralischen Abgründe vor und beobachtet dabei eine Skrupellosigkeit, die sprachlos macht.<\/p>\n